
| Primärkommunikation |
| "Willkommen
im Nahverkehrszug nach - ..." Man hat sich bequem eingerichtet im
Zugabteil und wird sogar willkommen geheißen. Eigentlich ist das ja
ein Grund zur Freude, jedoch: Die angenehme Stimme aus dem Lautsprecher
legt eine nicht ganz passende Pause ein. Sie klingt ein wenig anders,
als sie endlich den Zielbahnhof hinzufügt. |
| Inzwischen
wissen wir natürlich alle, dass diese Stimme 'aus der Konserve' kommt:
Tag für Tag, Monat für Monat im gleichen Tonfall. Man kann zwar den
Versuch machen, sich wirklich "willkommen" zu fühlen, aber solche
technisch bedingte Stückelungen im Sprachfluss lassen auch den letzten
Anschein einer persönlichen Zuwendung zerplatzen wie eine Seifenblase. |
| Wahr
ist vielmehr, dass man praktisch allein hier sitzt und es niemanden
interessiert, wohin man fahren möchte, und schon gar nicht, warum. So
wohlklingend die Konservenstimme auch immer sein mag: sie kann nicht
konkurrieren mit der echten Stimme des Zugführers, die auch in Zeiten
von .mp3 und KI noch immer dann und wann einspringen muss. Erst da
horchen wir genau hin und wissen: jetzt sind tatsächlich wir gemeint,
hier und jetzt. |
| Auch
die Zugführer / innen leiden. Im Dienste der Sicherheit nimmt ihnen die
Automatisierung Zug um Zug das Ruder aus der Hand. So wie Ambros in den
70ern das Los der Schaffner besang,¹ geht es heute dem 'Fahrpersonal'.
Ich vermute es freut sie sogar, wenn sie ab und zu persönlich
ranmüssen. Auf jeden Fall freut es die Fahrgäste. |
| Vielleicht
möchten Sie einwenden, dass es bei öffentlichen Verkehrsmitteln nicht
darauf ankommt, persönlich angesprochen zu werden. Bequem sollen sie
sein, pünktlich, und gut getaktet. "Gemütlich bin ich
selbst", hat Karl Kraus schon 1911 geschrieben.² Doch der Mensch lebt
nicht vom Brot allein. Will er denn nicht wissen wer sie leistet,
diese 'öffentlichen Dienste'? Und fragen sich die Leister derselben
nicht auch hin und wieder, für wen sie sich Tag für Tag bemühen? |
| Es
geht auch hier, bei den scheinbar so harmlosen Lautsprecher- Durchsagen
im Zugabteil, um den schleichenden Verlust des spezifisch
Menschlichen: der Primärkommunikation. Soll man auf die Rückkehr des
Analogen hoffen? Aussichtslos. Der Mensch ist nicht bereit, Tätigkeiten
wieder aufzunehmen, wurden sie erst einmal automatisiert, et pereat
mundus.³ |
| Aber
eines darf man fordern: dass man endlich damit aufhört, die Kategorien
zu vermischen. Will man automatisierte Ansagen, soll man dabei auf
Höflichkeitsfloskeln verzichten. "Willkommen" zu heißen steht
ausschließlich in Echtzeit anwesenden Personen zu. Die vom Menschen
losgelöste Konservenstimme hat sich im öffentlichen Raum auf das
Faktische zu beschränken. |
| 1 Schaffner sein: des woa amoi wos. So wirds nie wieder sein. Des is des Schaffnerlos. |
| 2 Karl Kraus, Die Fackel Nr. 315-316, 1911, S. 35 |
| 3 ... auch wenn die Welt untergeht. |
| 9/25 < MB (10/25) > 10/25 Thorny Blossoms of Globalization |
| Society as a complex system |